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Kapitel 17: Zwischen Blut und Tee

  Das Schneetreiben des Sturms, der unaufh?rlich um Moonshire tobte, schloss sich hinter ihr wie das Zuschlagen der letzten Seite eines Buches.

  Ein Kapitel beendet.

  Der Wind heulte noch, als Vaelthrys ihre Flügel einrollte. Schwarze Schuppen fingen das letzte Licht des Abends ein, bevor sie in sich zerflossen – Knochen wurden schlanker, Masse verschwand, Form zerfloss zu elfenhafter Kontur.

  Ihre Fü?e berührten den schwarzen Stein der ?u?eren Plattform.

  Kein Aufprall - nur Anerkennung.

  Moonshire reagierte auf sie wie ein lebendiger Gedanke. Der Sturm jenseits der Mauern tobte weiter, doch hier, auf dieser Schwelle, war er nur noch Kulisse. Schnee wehte über die Brüstung, l?ste sich jedoch auf, bevor er den Boden berührte – als w?re selbst das Wetter nicht befugt, diesen Ort dauerhaft zu berühren.

  Ein Rest von Chronomantie hing noch im Gefüge um sie.

  Nicht sichtbar - doch der Fluss war leicht getrübt – wie Wasser nach einem geworfenen Stein. Zeit hatte sich gebogen. K?rper hatten sich aufgel?st. Seelen waren weitergeleitet worden.

  Und nun: Ruhe.

  Vaelthrys trat durch die Tore. Sie ?ffneten sich nicht. Sie wichen aus Respekt.

  Der Stein unter ihren Fü?en nahm jene Temperatur an, die ihrem inneren Rhythmus entsprach. Runen glitten über B?gen und S?ulen wie tr?ger Sternenstaub. Einige flackerten kurz golden auf, als sie an ihnen vorbeiging – nicht fragend. Es war vielmehr messend und akzeptierend.

  Ein Hauch von Blut niederer sterblicher Existenzen haftete noch an ihr. Nicht im materiellen Sinne. Im Fluss der Zeit, ein letztes Echo der Unwürdigen, bevor ihre Seelen zurück in die ewig w?hrende Gnade limbischer Strukturen entlassen wurden. Ein Kreislauf der sich geschlossen hatte.

  Moonshire registrierte es und schwieg in stiller Zustimmung.

  Sie atmete ein letztes mal die kalte und reine Luft der blutroten D?mmerung ein, die nun frei von dem metallischen Beigeschmack des Vergehens war, und spürte, wie die Stille der Ewigkeit den Platz einnahm, den der L?rm von Verfall sterblicher Ambition hinterlassen hatte.

  Der Duft von Tee erreichte sie, bevor sie den Raum betrat. Der aufsteigende Dampf, eine Erweiterung sinnlicher Empfindungen. Beruhigend sowie bet?rend für K?rper und Geist, suchte sich der verlockende Geruch seinen Weg durch den in warmes Licht getauchten Raum.

  Schwer und erdend.

  Ein beinahe banales Aroma – und doch das deutlichste Zeichen, dass hier Entscheidungen fielen. Als Vaelthrys die Galerie durchschritt, verlangsamte sie ihren Schritt bewusst.

  Und dann sah sie sie.

  Aelthyria.

  Sie sa? am niedrigen Tisch nahe der offenen Fensterb?gen, hinter denen sich das tobende Wei? des Hochgebirges wie eine ferne Erinnerung ausnahm.

  Ihr Kleid war dunkel wie die Tiefe zwischen Sternen – kein Schwarz, sondern ein sattes, verschluckendes Nachtblau. über den Stoff zogen sich azurblaue Runenlinien, die nicht statisch waren. Sie pulsierten langsam. Wie Atem. Wie Gezeiten im Herzen kosmischer Zerrissenheit.

  Neben ihr ruhte die Krone Moonshires. Nicht auf ihrem Haupt.

  Ein filigranes Geflecht aus schwarzem Metall und schwebenden azurnen Splittern, die sich in langsamer Rotation bewegten – als w?re die Krone weniger Schmuck als ein kondensiertes Prinzip. Der Wille Moonshires – geschmiedet in Form eines majest?tischen Abbildes des Schlosses selbst.

  Macht - abgelegt, doch nicht verloren.

  Das Kind ruhte an sie gelehnt. Weder festgehalten noch geklammert. Stattdessen wurde es gehalten durch absolute N?he, die keinen Widerspruch duldet.

  Für ihn war sie kein Schutz. Sie war die Welt, an die dieser kleine Stern gebunden war.

  Die Blutresonanz war deutlich sichtbar. Kein Sturm, kein Ausbruch. Ein dichter, roter Nebel, der sich eng um seinen kleinen K?rper legte. Tiefes, kaltes Dunkelrot – fast schwarz im Kern. Seine Runen glühten in derselben Farbe. Kein warmes Rot. Kein Feuer. Altes Rot das eine Geschichte von Erbe zu erz?hlen schien.

  Wenn Aelthyrias Finger durch sein Haar glitten, reagierte der Nebel. Er zog sich zusammen und weitete sich. Als würden Antworten auf Fragen erfolgen, die niemand laut aussprechen wollte. Und ihre eigenen Runen – azurblau, klar, fast kühl – leuchteten st?rker auf, sobald die Resonanz zwischen ihnen intensiver wurde.

  Es waren Gegens?tze wie sie unterschiedlicher nicht h?tten sein k?nnen. Und doch komplement?r. Zwei Frequenzen die zu einer Schwingung pendelten als h?tten sie nie etwas anderes getan. Vaelthrys blieb stehen und lie? den Moment auf sich wirken. Der Kontrast der sich ihr bot, war beinahe absurd.

  Drau?en: Schnee, Blut, Sturm.

  Hier: Tee, Atem, Resonanz.

  Der rote Nebel pulsierte erneut. Einmal kurz, dann deutlich. Aelthyria hob erst jetzt den Blick. Ihre Augen waren ruhig. Wach jedoch nicht überrascht.

  ?Du riechst nach Schnee,“ sagte sie. ?Und nach Ordnung.“

  Ihre Stimme war weich – aber nicht schwach. Sie hatte jene Tiefe, die keine Lautst?rke brauchte. Vaelthrys trat n?her, setzte sich gegenüber. Sie griff beil?ufig nach der Tasse aus der sich der wohlig duftende Dampf seinen Weg in die Atmosph?re des Raumes bahnte.

  Das Porzellan war warm – genau an jener Grenze zwischen Hitze und Behaglichkeit, die den K?rper zwang, pr?sent zu bleiben. Vaelthrys umschloss die Tasse mit ihren Fingern, die noch die unterkühlte H?rte des Kampfes in sich trugen.

  ?Sie waren nah,“ sagte sie.

  Aelthyria senkte den Blick nicht. ?Ich wei?.“

  Natürlich wusste sie es.

  ?Ein Brandmal,“ fügte Vaelthrys hinzu. ?D?monenflamme und an sie gebunden.“

  Der rote Nebel verdichtete sich einen Herzschlag lang – nicht aggressiv. Seine Erscheinung wie in kurzes pulsieren einer Emotion die beschlossen hatte gesehen zu werden.

  Aelthyrias Finger verharrten auf dem Haar des Kindes.

  ?Die Dreizehn spielen, wie immer“ murmelte sie.

  Stille.

  Es war kein Dominieren, kein überlagern – es war Verst?rkung.

  Vaelthrys sah, wie das kalte Dunkelrot der kindlichen Runen an Tiefe gewann, jedes Mal, wenn Aelthyrias azurblaues Leuchten intensiver pulsierte. Ein synchroner Takt, ein Herzschlag, vor dem selbst der ?ther sein Haupt in Ehrfurcht zu neigen schien.

  Der Fluss im Raum war dichter geworden – und doch kam es Vaelthrys vor, als würde er Platz für etwas anderes machen. Ein vorsichtiges Zurückweichen mit gespielter Leichtigkeit, wie ein Diener, der den Raum verl?sst, weil er spürt, dass er nicht mehr der Herr im Haus ist. Aelthyria beobachtete das Spiel der Lichter auf der Haut des Kindes mit einer Ruhe, die Vaelthrys Schaudern lie?.

  ?Er weicht nicht aus Angst", sagte Aelthyria leise, ohne den Blick zu heben. ?Er weicht, weil er erkennt, dass seine Regeln hier nicht mehr greifen. Er versucht, h?flich zu wirken, w?hrend er in Wahrheit bereits die Kontrolle über diesen Quadratmeter Realit?t verloren hat."

  Vaelthrys griff nach ihrer Tasse. Das Porzellan fühlte sich in dieser neuen Dichte fast zerbrechlich an.

  ?Wie die Sterblichen auf Elendiel", entgegnete sie gelassen.

  ?Sie hielten sich auch für die Krone der Sch?pfung, bis sie begriffen, dass sie nur das Fundament für den n?chsten Spielzug waren. Kleine unbedeutende Lichter am Angesicht der Ewigkeit."

  Vaelthrys lie? ihren Blick über die azurblauen Runen auf Aelthyrias Kleid gleiten. über die Krone neben ihr. über den roten Nebel, der sich wie ein Instinkt um das Kind legte.

  Das hier war keine Laune der Natur oder ein unglücklicher Zufall. Das war... kalt kalkulierte Evolution.

  Den Ursprüngen war Stillstand zugedacht worden. Definiert. Fixiert. Ewig. Aus Angst? Aus Missgunst? Oder weil der ?ther keine Wesen über oder neben sich dulden wollte?

  ?Du hebst dich über das Gefüge,“ sagte Vaelthrys ruhig.

  Aelthyria sah sie nun direkt an. ?Nein.“ Ein einzelnes Wort. Unmissverst?ndlich.

  ?Ich zeige ihm nur, dass es nicht perfekt ist.“

  Der Sturm heulte fern und unbest?ndig. Die Tasse Tee, in gleichm??igen Dampf gehüllt - und das Kind ruhig, schlafend im Scho? der Sch?pferin.

  ?Der ?ther spielt sein Spiel,“ sagte Vaelthrys, als sie ihren Blick in die Ferne schweifen lie?.

  ?Und wir unseres.“, entgegnete Aelthyria mit einem seeligen L?cheln auf ihren Lippen.

  Die Runen pulsierten erneut – azurblau und dunkelrot – ein leises, rhythmisches Wechselspiel.

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  Vaelthrys spürte es nun klar. Das war nicht nur Bindung zwischen Sch?pferin und Sch?pfung. Es war eine Brücke über den Abgrund der Evolution, die ewige Einsamkeit der Unendlichkeit. Die Bürde Macht zu besitzen - und doch nichts, womit man sie teilen konnte.

  Vielleicht hatte Aelthyria tats?chlich einen Weg gefunden. Nicht, um den ?ther zu bek?mpfen. Sondern um ihn still schweigend zu überholen. Nur Ursprünge würden das wahre Ausma? dieser Verbindung begreifen.

  Zweitgeborene Hexen der Dreizehn, Sterbliche. Nichts als Bauernopfer in einem Spiel das vor ?onen begonnen hatte.

  Aelthyria lehnte sich minimal zurück, ohne den Kontakt zu l?sen.

  ?Wir müssen entscheiden,“ sagte sie leise.

  Vaelthrys sah sie an und wartete. Der Tee war noch warm, doch drau?en verschloss der Schnee den letzten Rest dunkelelfischer Ambitionen, Moonshire auch nur zu erblicken, ohne den geforderten Preis zu zahlen.

  Drinnen sa?en zwei Ursprünge.

  Und zwischen ihnen schlief etwas, das vielleicht nicht nur ihre Geschichte ver?ndern würde. Sondern die des ?thers selbst. Und Moonshire bewegte sich mit ihnen, wie ein Schatten mit Pflichtgefühl.

  Der tobende Schneesturm fra? die letzten Konturen der Berge. Wei? verschluckte Form. Form wurde bedeutungslos.

  Aelthyrias Finger glitten noch einmal durch das dunkle Haar des Kindes. Der rote Nebel zog sich enger um ihn, verdichtete sich – nicht schützend. Besitzergreifend.

  Vaelthrys neigte den Kopf leicht. ?über seine Ausbildung.“ Es war keine Frage.

  Aelthyrias Blick ruhte weiterhin auf dem Kind. Der rote Nebel hatte sich beruhigt, lag nun dichter und gleichm??iger um ihn, als h?tte er die Anwesenheit der Entscheidung bereits akzeptiert.

  ?Nicht Ausbildung,“ sagte sie ruhig. ?Ausrichtung.“

  Vaelthrys schwieg. Sie verstand den Unterschied.

  ?Er tr?gt Erbe in sich, das nicht fragmentiert werden darf. Wenn wir ihn lehren wie eine Hexe, wird er lernen zu dienen. Wenn wir ihn lehren wie einen Sterblichen, wird er lernen zu fürchten.“

  Ihr Blick hob sich nun langsam. ?Er wird lernen zu erkennen. Und das mit primordialer Ordnung“, ein Funkel lag in ihren Augen.

  Die Worte hatten kein Gewicht von Pathos, nur Struktur.

  ?Sein erster Pfad steht fest,“ sagte sie schlie?lich.

  ?Gravitation.“ Es war keine Frage.

  Aelthyria nickte best?tigend. ?Sie ist keine erlernte Disziplin für ihn. Sie ist Struktur. Seine Rune tr?gt sie bereits.“

  Vaelthrys lie? den Blick über das dunkle Leuchten gleiten, das im Kern des Nebels pulsierte. Die Rune unter seinem rechten Auge pulsierte minimal st?rker nach dieser Aussage. Ihr war schon am ersten Tag seine Begabung für Gravitation aufgefallen. Eine gef?hrliche und knifflige Kraft. Doch würde er sie meistern...

  ?Und die anderen?“, fragte sie schlie?lich.

  Ein messbares Innehalten – ohne jede Unsicherheit. Aelthyria hatte sicher bereits abgewogen, welche magischen Affinit?ten ihrem Stern zu Grunde lagen. Es war ihre gewohnte Pr?zision, ihrer Struktur Ausdruck zu verleihen. Und das Kind war seit dem Tag seiner Sch?pfung der neue Mittelpunkt dieser Ordnung.

  , dachte Vealthrys mit einem spitzen l?cheln auf den Lippen.

  ?Dunkelheit und Licht waren am Tag seiner Sch?pfung vorhanden,“ sagte Aelthyria ruhig.

  ?Nicht manifest. Aber angelegt. Wie ein Echo, das noch keinen Raum gefunden hat.“

  Sie schwieg einen Moment.

  ?Ich habe es gespürt.“, beendete sie ihren Gedanken. Doch es war keine Erkl?rung.

  Vaelthrys kannte diesen Ton. Aelthyria sprach nicht von Vermutung. Aber auch nicht von Gewissheit.

  ?Du willst prüfen.“, fragte sie.

  ?Ich will best?tigen.“, kam die Antwort. So unmissverst?ndlich wie das symbiotische Pulsieren der Blutresonanz und ihrer azurblauen Runen.

  Der Unterschied war entscheidend. Sie h?tte ihre These schon lange - und nun war es Zeit für die Best?tigung.

  Aelthyrias Finger glitten erneut durch das Haar des Kindes. ?Ich werde ihm die Grimoires selbst ?ffnen.“

  Vaelthrys’ Blick hob sich leicht. ?Alle drei?“, fragte sie.

  ?Ja.“, kam die Antwort direkt und ohne ein Z?gern.

  ?Gravitation als Fundament. Dunkelheit und Licht als Spiegel. Wenn sie in ihm angelegt sind, werden sie reagieren. Wenn nicht, bleiben sie stumm.“

  Der rote Nebel pulsierte ruhig weiter.

  ?Und wenn beide reagieren?“ fragte Vaelthrys.

  Aelthyrias Blick war ruhig und klar.

  ?Dann ist er mehr, als selbst ich erwartet habe.“ Das war keine Eitelkeit. Es war Kalkulation.

  ?Die Hexen?“ fragte Vaelthrys.

  ?Werden anwesend sein,“ antwortete Aelthyria. ?Nicht als Lehrer. Nicht als Führer. Sie sichern nur das Gefüge.“

  Ein kaum wahrnehmbares Schimmern ging durch die Runen ihres Kleides. Doch es wirkte wie eine stille Zustimmung, als würden ihre Runen selbst lauschen und best?tigen.

  ?Nichts, was ihn betrifft, wird ausgelagert.“, eine endgültige Aussage.

  Das war der Kern und Vaelthrys verstand ihn. Sie selbst kannte das Kind erst wenige Tage. Doch die waren genug Kausalit?t für einen Drachen um den Kern zu begreifen.

  ?Du vertraust niemandem mit seinem Fundament.“, stellte sie nüchtern fest.

  ?Ich vertraue,“ erwiderte Aelthyria ruhig, ?nur mir selbst, wenn es um ihn geht.“

  Es war weder Arroganz noch Misstrauen – sondern Verantwortung in absoluter Form. Endgültig sowie unangreifbar.

  ?Der erste Zyklus beginnt mit Gravitation,“ sagte sie weiter. ?Wenn seine Resonanz stabil bleibt, werde ich das Dunkel ?ffnen. Und erst wenn beides nicht kollidiert, wird das Licht folgen.“

  Vaelthrys lie? diese Reihenfolge wirken. Von der Struktur über die Grenze zur Offenbarung. Kein Zufall und keine hast. Eine kalkuliert primordiale Herangehensweise.

  ?Die anderen werden aufmerksam werden.“ sagte sie.

  Aelthyria sah nun direkt in den roten Nebel, als würde sie nicht nur das Kind betrachten, sondern das, was durch ihn m?glich wurde.

  ?Sie sind es bereits.“, sagte sie w?hrend das Pulsieren st?rker wurde.

  ?Und doch wissen sie nichts.“

  Im limbischen Hochgebirge heulte der Sturm jenseits der Fensterb?gen auf, als h?tte er eine Entscheidung gespürt. Doch in Moonshire blieb alles stabil. Es war die Ruhe vor dem Unvermeidlichen. Und in der Mitte dieser Stille ruhte ein Stern im Scho? seiner Sonne, dem nichts dem Zufall überlassen wurde.

  Aelthyria hob den Blick nicht vom Kind. Doch der Raum reagierte. Ein einzelner Impuls ging durch Moonshire, der weder Laut noch ein Befehl war. Ein kurzes, unvermeidliches vibrieren, tief zwischen K?rper, Geist und Seele.

  Vaelthrys spürte sie sofort. ?Du rufst sie“, sagte sie ruhig.

  ?Ja.“ Die Runen auf Aelthyrias Kleid pulsierten einmal st?rker. Azurblau, klar und unverrückbar.

  Der rote Nebel um das Kind blieb ebenso dicht wie ruhig. Aber nicht weich, mehr wie eine Hand die widerstand nicht duldet sondern gestattet. Wenige Atemzüge sp?ter ?ffnete sich die Galerie nicht – sie gab nach.

  Silvara und Thalyra traten ein.

  Sie trugen noch den Hauch des Geschehens an sich. Nicht sichtbar, doch der Fluss der Zeit um sie war leicht getrübt. Wie Wasser, in dem etwas ertrunken war. Ihre K?pfe gesenkt traten beide n?her. An ihren Gesichtszügen konnte man die Mischung aus Ehrfurcht und Angst vor der unvermeidlichen Konsequenz lesen wie ein offenes Buch.

  ?Ehrwürdige Sch?pferin.“, stammelten beide drauf los. Ihre Verbeugung tief und unterwürfig. Fast h?tte man meinen k?nnen, sie wollten beide vor Scham im Boden versinken. Ein wissendes L?cheln stahl sich über Vaelthrys Lippen. Die Ruhe vor dem Sturm war ein Genuss, und sie durfte wie immer daran teilhaben.

  Aelthyria lie? die Stille wirken. Weniger als Drohung. denn als Ma?stab.

  ?Die Prüfung war notwendig“, begann Silvara. Ihre Stimme war ruhig und kontrolliert.

  ?Die Reaktion unter realem Druck war entscheidend.“

  Thalyra erg?nzte:

  ?Die sterbliche Essenz war bedeutungslos. Sie stellte keine physische Gefahr dar.“

  Vaelthrys’ Blick blieb unbewegt, doch Aelthyrias Finger ruhten weiterhin im Haar des Kindes.

  ?Bedeutungslos“, wiederholte sie leise. Ein geschlossenes Wort ohne Frage.

  Silvara senkte den Blick nicht.

  ?Sie waren unwürdig. Ihre Seelen wurden ordnungsgem?? weitergeleitet. Der Kreislauf wurde geschlossen.“

  ?Und das Blut?“ fragte Aelthyria.

  Thalyra antwortete ohne Z?gern.

  ?War der sterblichen Schw?che geschuldet.“

  Ein einzelner Herzschlag verging. Dann noch einer. Der rote Nebel pulsierte Dichter. Ein Ausdruck des Missfallens im Angesicht der Unf?higkeit.

  Aelthyria hob nun den Blick. Weder schnell noch scharf und doch lag Endgültigkeit darin.

  ?Von oben bis unten war dieser Ort mit Blut bedeckt.“ Kein Vorwurf in der Stimme nur Fakten.

  Stille.

  ?Und mein Stern stand darin.“

  Vealthrys bemerkte amüsiert das sich die Aura im Raum minimal ver?nderte. Nicht genug, um zu zerbrechen, jedoch genug, um ein Urteil vorzubereiten. Die beiden Hexen kauerten mit gesenkten Blicken am Boden. Die n?chsten Worte sollten sorgsam gew?hlt werden.

  ?Wir nahmen das Kind nicht wahr ehrwürdige Sch?pferin“, sagte Thalyra schlie?lich.

  ?Und genau das ist euer Versagen.“, entgegnete Aelthyria eisig.

  Das war die tragische Wahrheit, auch wenn es die richtige Entscheidung war, sie auszusprechen. Es war eine unglückliche Verkettung der Ereignisse, welche die Reise des kleinen Sterns durch das Schloss nach Moonshire nach sich gezogen hatte. Absurd, wie viel Chaos das Kind an nur einem Tag hinterlassen hatte.

  Vealthrys musste schmunzeln. Ja, es war wahrhaft absurd. Und doch sehr amüsant. Die n?chsten Zyklen würde alles sein, aber nicht von Langeweile gepr?gt.

  Aelthyrias Augen wurden k?lter. Eine k?lte, die dem tobenden Sturm vor Moonshire Konkurrenz gemacht h?tte.

  ?Ihr habt es nicht bemerkt.“, wiederholte sie mit t?dlicher Ruhe.

  ?Ihr wart so gefangen in Leid, Blut und eurem eigenen Trieb zur Extase, dass eure Sinne stumpf wurden.“

  Der pulsierende Nebel der sich bisher noch ruhig verhalten hatte schien nun aktiv zu werden. Es geschah ohne eine Akündigung doch dafür in ?therisch roter Farbenpracht. Der Herzschlag von Gnade und Leid hatte sich langsam, wie ein Glockenschlag in Bewegung gesetzt.

  Unübersehbar für die beiden Hexen, die sich nun auf der Seite der Sterblichen wiederfanden. Eine Ironie des Schicksals.

  Silvaras H?nde pressten sich fester auf den Boden.

  ?Sterbliches Blut ist unrein“, sagte Aelthyria ruhig.

  ?Doch seines ist es nicht.“

  Der rote Nebel um das Kind reagierte instinktiv in absoluter Zustimmung

  ?Sein Gef?? wurde besch?digt. Und ihr habt es zugelassen“

  Ein weiterer Glockenschlag der sich durch ein starkes pulsieren des Nebels ?u?erte. Mit jedem mal dehnte er sich weiter in die Richtung der Hexen aus.

  ?Das ist unverzeihlich.“, sagte sie schneidend.

  Keine Erh?hung der Stimme war Notwendig um ihr Urteil klar machen. Aelthyria lie? ihren Blick über die beiden am Boden kauernden Hexen gleiten. In ihren azurblauen Augen lag eine Mischung aus Belustigung und Absch?tzung. Vaelthrys kannte diesen Blick. Das wandeln auf des Messers Schneide.

  Stille.

  Ein pulsieren der Blutresonanz. Ein Glockenschlag der die beiden Hexen an der Rand der Schneide brachte. Jedoch war des Messers Schneide hier eine Kraft, mit der noch niemand zu tun hatte. Niemand au?er Aelthyria und dem Kind, das eingerollt in ihrem Scho? vor sich hin zu tr?umen schien.

  Der Nebel berührte die Fingerspitzen der beiden Hexen mit dem pulsieren was von ihm ausging. Das wundersch?ne r?tliche Schimmern spiegelte sich in den Augen der beiden. Schmerz und Leid waren der Ausdruck der tief in ihnen verborgen lag. Ein kurzer Moment, ein Vorgeschmack. Er verflog so schnell, wie der Puls der Resonanz verebte.

  Ein wissendes l?cheln legte sich auf Aelthyrias lippen: ?Zu eurem Bedauern wollte mein Stern die ganze Aufmerksamkeit der Blutresonanz...“

  Die Worte waren sachlich. Das war keine übertreibung.

  Sie waren ersetzbar.

  Das Kind nicht.

  Der pulsierende Nebel hielt sie für einen langen Atemzug am Rand der M?glichkeit. Dann lie? Aelthyria nach. Es war nicht aus Milde sondern Kalkül. Aelthyria betrachtete sie

  lange schweigend. Der Sturm drau?en verlor sich im Wei? doch das Heulen blieb.

  ?Lasst euch dies eine Warnung sein.“, sagte sie schlie?lich.

  ?Wir verstehen, ehrwürdige Sch?pferin“, antworteten beide.

  Und diesmal war keine Spur von Rechtfertigung mehr übrig. Das einzige was blieb war Disziplin. Die Hexen zogen sich an den Rand des Raumes zurück und verschmolzen schlie?lich mit den Schatten Moonshires. Wachsam, gesch?rft und gedemütigt.

  Vaelthrys nahm ihre Tasse wieder auf. Der Tee war inzwischen nur noch warm. ?Ordnung“, sagte sie leise.

  ?Ordnung“, best?tigte Aelthyria.

  Der rote Nebel beruhigte sich. Seine Runen pulsierten langsamer. Stabil und unverletzt.

  Beachtlich, dachte Vealthrys.

  Der Sturm verlor sich im Wei? des Hochgebirges. Moonshire war wieder still. Keine Chronomantie mehr im Gefüge beschmutzt mit Nachhall von Blut.

  Nur Atem.

  Aelthyrias Finger ruhten im dunklen Haar ihres Sterns. Die azurblauen Runen auf ihrem Kleid pulsierten ruhig. Der rote Nebel hatte sich zurückgezogen. Nicht verschwunden, nur…geb?ndigt.

  ?Mit Gravitation wird es beginnen“, sagte sie leise.

  Es war kein Schwur sondern eine Feststellung.

  Vaelthrys stellte die Tasse ab.

  ?So soll es sein“, erwiderte sie.

  Und drau?en begriff selbst der Sturm, dass dieser Ort nicht mehr derselbe war wie zuvor. Azurblau pulsierte ruhig unter Aelthyrias Haut. Doch für einen kaum messbaren Augenblick schien der Raum selbst sein Gewicht zu ver?ndern – als würde etwas in der Mitte von Moonshire leise Anziehung üben. Nicht auf K?rper oder auf M?glichkeiten.

  Und tief unter der Stille lag etwas Unausgesprochenes – eine Grenze zwischen Licht und Finsternis, die noch keinen Namen trug. Im Scho? der unerbittlichen Sonne schlief ein Stern, der lernen würde, wo Gleichgewicht beginnt und wo es endet.

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