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Kapitel 11 - Willst du mal beißen?

  Als er erwachte, sah Charles eine wei?e Decke. Dieser Anblick war ihm wohlbekannt. In den ersten zwei Wochen hatte er ihn ?fter zu Gesicht bekommen, als Charles lieb war. Genau wie den wei?en Nachttisch mit den Taschentüchern neben ihm. Die viel bequemeren Kopfkissen hingegen hatte er tats?chlich vermisst. Es war unverkennbar, dass Charles auf der Krankenstation lag.

  Wenn ich so weitermache, dann stell’ ich bald einen Rekord für die meisten Einlieferungen auf.

  Er hob seinen linken Arm und schaute auf seinen alten, grauen Verband. Mit dem Zeigefinger zog Charles diesen etwas zur Seite und sah, dass seine Wunde beinahe verheilt war. Allerdings war bereits erkennbar, dass eine Narbe zurückbleiben würde. Anschlie?end strich sich Charles über die Wange. Sein Pflaster war bereits abgefallen, und zurück blieb ein spürbarer Schorf.

  Wahrscheinlich wird die Verbrennung auch nicht komplett verheilen … Ich sollte definitiv mehr auf mich achten.

  Ehe Charles sich weiter in seinen Gedanken verlieren konnte, durchdrang eine bekannte Stimme den Raum: ?Na, endlich wach, Kumpel?“

  Die Augen von Charles weiteten sich.

  Kumpel? Kumpel! Ist das etwa …?

  Sofort richtete er sich auf und tats?chlich: Im gegenüberliegenden Bett sah Charles ein vertrautes Gesicht. Tr?nen füllten seine Augen.

  ?Du bist manchmal echt ein Sensibelchen“, sagte Valentin, auf dessen Gesicht ein breites Grinsen erschien. Augenblicklich sprang Charles aus dem Bett und stürzte sich auf seinen Freund. W?hrend er ihn fest umklammerte, heulte Charles Rotz und Wasser. Valentin versuchte, ihn von sich wegzudrücken.

  ?Ist ja schon gut. Ich freu mich ja auch, dich zu sehen, aber du bist grad echt eklig, Kumpel. Schmier mich bitte nicht voll!“

  Sogleich zog er eines der Taschentücher und reichte es Charles. Dieser putzte sich die Nase und blickte Valentin mit breitem Grinsen und halbgeschlossenen Augenlidern an.

  ?Willkommen zurück unter den Lebenden.“

  Valentin lehnte sich zurück.

  ?Ach Charles, ich kann doch nicht einfach sterben. Vor allem wenn heute Pizzatag ist.“

  ?Ich werde sicherstellen, dass ich dir nachher ein gro?es, nicht vergiftetes Stück vorbeibringe.“

  Beide Jungen lachten aus vollem Herzen, bevor Charles verstummte.

  ?Ist wirklich wieder alles in Ordnung mit dir?“, fragte er mit besorgter Stimme.

  ?Mach dir keine Sorgen, Kumpel! Ich bin wieder topfit. Laut Frau Juno soll ich dennoch ein paar Tage zur Beobachtung da bleiben. Schlie?lich war ich kurzzeitig tot. Du hingegen darfst gehen, sobald du ausgeschlafen bist und dich gesund fühlst, meinte sie.“

  Ein kurzes Schweigen herrschte zwischen den beiden, ehe Charles die Frage stellte, welche ihn am meisten besch?ftigte: ?Valentin, was genau ist passiert?“

  Ohne zu antworten schaute Valentin aus dem Fenster, kaute auf seiner Unterlippe herum und wandte sich nach einer Weile wieder an Charles. Anschlie?end schilderte Valentin alles, woran er sich seit dem Grillabend erinnern konnte. Angekommen im Waisenhaus sei er todmüde ins Bett gefallen und h?tte sich nach seinem Erwachen halbnackt in Mayas geheimer Folterkammer wiedergefunden. Vollkommen unf?hig, sich zu bewegen. In einer K?lte, die er nie zuvor in seinem Leben verspürt hatte. Sein Ged?chtnis wies au?erdem viele Lücken auf. Er konnte sich weder daran erinnern, wie lange er dort gefangen war, noch ob Maya mit ihm gesprochen hatte.

  ?Z-zum Glück scheine ich einen Teil dieser unangenehmen Erfahrung bereits vergessen zu haben. Gut für mich, würde ich meinen … O-oder?“, fragte er mit zitternder Stimme und hielt sich mit einem gezwungen aussehenden L?cheln den Hinterkopf.

  Ich würde eher sagen, dass er es verdr?ngt. Das muss unheimlich traumatisierend für ihn gewesen sein. Seine Reaktion spricht B?nde. Wer wei?, was passiert w?re, wenn ich nicht eingegriffen h?tte.

  ?Du bist also auf dem Weg zur Geheimbasis nicht aufgewacht, obwohl sie dich über eine Mauer und durch zehn Minuten Waldweg tragen musste?“

  ?Ich war halt ziemlich vollgefressen an dem Abend. Echt clever von Maya, mich zu entführen, als ich im Fresskoma lag“, erwiderte Valentin und strich sich dabei über den Bauch.

  ?Was hast du denn an dem Abend alles gegessen?“

  Seine H?nde hinter den Kopf gelegt, lie? Valentin sich zurück ins Kissen fallen.

  ?Mal überlegen … Mehrere H?hnchenspie?e, paar Schaschliks, dann wieder H?hnchenspie?e. Das übliche halt.“

  ?Und davor?“

  Valentin dachte gründlich nach.

  ?Eigentlich nichts. Na ja, Maya hat mir ihre Marshmallows angeboten. Aber ich meine, das hat sie bei jedem gemacht, oder nicht?“

  Diese Aussage machte Charles etwas stutzig.

  ?Marshmallows? Jetzt, wo du es sagst. Mir hat sie ebenfalls einen gegeben. Wahrscheinlich hat sie nur in ein paar Marshmallows etwas reingemacht und diese gezielt an dich verteilt. Wie viel hast du denn davon gegessen?“

  ?Mhm … ich würde sagen, so um die fünf.“

  Die Stirn von Charles legte sich in Falten.

  Wow … Valentins Schwachstelle ist definitiv sein Magen.

  Er biss die Z?hne zusammen.

  Verdammt! Warum habe ich nicht besser aufgepasst? Maya hat zwar gesagt, dass sie keinen Grund hat, ihre Freunde zu vergiften, aber dass sie trotzdem was ins Essen mischt, h?tte man sich denken k?nnen. Wenn also kein Gift drin war, was hat sie stattdessen hineingetan?

  Taken from Royal Road, this narrative should be reported if found on Amazon.

  Einen Moment lang grübelte Charles, bevor ihm ein interessanter Gedanke kam.

  ?Was w?re, wenn sie ein schwaches Schlafmittel verwendet hat? Immerhin l?sst es sich so pr?ziser dosieren und macht es viel schwerer, einen Zusammenhang zu erkennen.“

  Bei dieser Erkenntnis leuchteten Valentins Augen auf.

  ?Das macht absolut Sinn! Falls Frau Juno mein Blut untersucht, kann sie das eventuell sogar best?tigen.“

  Sein Enthusiasmus wurde von Charles j?h ged?mpft.

  ?Leider nützt uns das überhaupt nichts. Maya kann durch meine Unvorsichtigkeit die Geschichte jederzeit nach Belieben drehen und wenden“, sagte Charles und ballte die Faust, als er an das Foto dachte, welches von ihm und Valentin gemacht worden war.

  ?Mach dir keine Gedanken darum! Ich habe bereits erz?hlt, dass ich in den Fluss gefallen bin und von der Str?mung weggetrieben wurde, bis du mich glücklicherweise rausholen konntest.“

  Charles seufzte.

  ?Es gef?llt mir zwar nicht, doch alles andere würde wohl auf mich zurückfallen. Das Ganze wie einen Unfall klingen zu lassen, ist für den Moment das Schlauste.“

  Auch wenn wir einer gewissen Person dadurch massiv in die H?nde spielen.

  Pl?tzlich knurrte der Magen von Valentin.

  ?Genug nachgedacht! W?rst du so lieb und holst mir ein Stück Pizza, Kumpel? Die Erzieher werden mir zwar nachher was mitbringen, allerdings beenden die bestimmt erst ihre eigene Mittagspause“, sagte Valentin und schaute Charles mit gro?en Augen an.

  Mit einem Grinsen erwiderte Charles: ?Natürlich! Ich hab’ es dir schlie?lich versprochen.“

  Als Charles sich vom Bett rollte, hielt ihn pl?tzlich jemand am T-Shirt fest.

  ?Bevor du gehst, wollte ich mich bedanken. Du hast mir das Leben gerettet und dafür dein eigenes aufs Spiel gesetzt. Das werde ich dir nie vergessen, Charles. Wenn du nachher wiederkommst, dann muss ich dir was Wichtiges erz?hlen. Ich bin es dir schuldig!“

  Daraufhin grinste Charles, verschr?nkte die Arme hinter dem Kopf und drehte sich zu ihm.

  ?In einer Freundschaft gibt es keine Schulden. Ich habe mein Leben riskiert, weil mir deines am Herzen liegt.“

  Mit diesen Worten verlie? er, etwas rot im Gesicht, die Krankenstation und machte sich auf den Weg nach unten zur Cafeteria.

  Oh Mann … schon etwas peinlich, das einfach so zuzugeben. Aber hey, es ist nun mal die Wahrheit. Wenn ich verhindern m?chte, dass so was nochmal passiert, dann muss ich meinen Ansatz auf jeden Fall ?ndern. Maya zu überlisten, scheint für mich momentan unm?glich. Jedoch kann man sie eventuell mit Logik überzeugen. Ich bezweifle sehr stark, dass es Maya in irgendeiner Form nützt, alle ihre ?Untertanen“ zu Tode zu foltern.

  An seinem Ziel angekommen, griff Charles ein Tablett, ging zur Essensausgabe und sicherte sich die letzten Stücke Pizza. Anschlie?end schaute er hinüber zum Stammtisch der Freundesgruppe. Dort entdeckte er Maya, die sich mit den Ellenbogen auf den Tisch stützte, w?hrend das Kinn auf dem Handrücken ihrer ineinander gefalteten Finger ruhte. Sie bemerkte ihn recht schnell, l?ste eine Hand und winkte ihm l?chelnd zu.

  Kurz darauf traf Charles wieder in der Krankenstation ein und überreichte Valentin die Pizza. Dieser leckte sich bereits gierig die Lippen.

  ?Behalte die Zunge bitte drin, Kumpel! Da kriegt man ja fast den Eindruck, als wolltest du mich essen, anstatt die Pizza“, scherzte Charles.

  ?Wenn du den Teller noch langsamer rüberreichst, dann bleibt mir da leider keine andere Wahl.“

  Kichernd überreichte Charles ihm die Pizza und verabschiedete sich mit seinem Stück in der Hand: ?H?r mal, ich muss schnell was erledigen. Ich komme gleich wieder!“

  Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und Valentin erwiderte: ?Warum habe ich das Gefühl, dass du wieder was ganz Bl?des vorhast? Wenn du dich in Gefahr begibst, dann lass doch zumindest dein Stück Pizza hier liegen. Ich passe gut darauf auf, bis du damit fertig bist, dumm zu sein.“

  ?Ich wei? genau, dass mein Essen mit dir alleine keine zwei Sekunden überleben wird. Keine Sorge, Frau Juno kommt gleich mit deinem Nachschlag, Kumpel.“

  Nachdem er die Krankenstation verlassen hatte, begab sich Charles eine Etage tiefer. Dort setzte er sich auf das breite Gel?nder der Treppe und wartete. Gerade als Charles genüsslich von seinem Pizzastück abbiss, sah er aus dem Augenwinkel, wie Maya die Treppe hinaufstieg.

  Perfektes Timing! Sie hat meinen K?der anscheinend geschluckt.

  Ein schmales L?cheln erschien auf Charles Gesicht und er hielt Maya seine Pizza hin.

  ?Willst du mal bei?en? Es ist schlie?lich deine Lieblingssorte: Pizza Hawaii.“

  Ihre Mundwinkel hoben sich, w?hrend Maya ihn mit gesenkten Lidern intensiv ansah.

  ?Ach Charlie, also war meine Vermutung richtig. So wie du mich angesehen hast, gibt es wohl was ganz, ganz Wichtiges mit mir zu besprechen, nicht wahr?“

  ?Ganz genau! Ich w?re dir sehr verbunden, wenn du mir kurz folgen würdest.“

  Mayas Augen weiteten sich leicht, ehe sie sich in Sekundenschnelle wieder fasste.

  ?Wow, du gehst ja richtig ran heute. Aber eine Einladung von dir lass’ ich mir natürlich nicht entgehen“, sagte Maya, spielte dabei mit ihren Haaren und leckte sich über die roten Lippen.

  ?Ich denke, das wird spa?ig werden, mein Lieber!“

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